«Die tiefgreifende digitale Transformation ist eine riesige Chance»


Ein Gespräch mit Dr. Jörg Wolle, Verwaltungsratspräsident, und Dr. Detlef Trefzger, CEO der Kühne+Nagel International AG

 
 

Von links nach rechts:
DR. DETLEF TREFZGER, CEO,
Dr. JÖRG WOLLE, PRÄSIDENT DES VERWALTUNGSRATS

 

 

Im Jahr 2019 konnte Kühne+Nagel zum sechsten Mal in Folge Rekordergebnisse vorlegen. Was ist Ihr Erfolgsrezept?
Dr. Jörg Wolle:   Kühne+Nagel hat als einer der weltweit führenden Logistikdienstleister einmal mehr Bestmarken erreicht. Insbesondere in der aktuellen Weltwirtschaft ist das alles andere als eine Selbstverständlichkeit. Dafür haben unsere rund 83.000 Mitarbeitenden rund um den Globus hart gearbeitet. Wir haben uns darauf konzentriert, was in unserem Geschäft am wichtigsten ist: die Bedürfnisse unserer Kunden. Damit haben wir erneut unser strategisches Ziel erreicht, in den Netzverkehren insgesamt mindestens doppelt so schnell zu wachsen wie der Gesamtmarkt.

Wie war das Wachstum in den Geschäftsbereichen?
Dr. Detlef Trefzger:   Alle vier Geschäftsbereiche haben 2019 wesentlich zum Erfolg beigetragen. Dafür möchte ich meinen herzlichen Dank allen Kolleginnen und Kollegen aussprechen. In der Seefracht und bei den Landverkehren hat sich unser Fokus auf Kundenservice, Kosteneffizienz und Digitalisierung einmal mehr bewährt. Beim volatileren Luftfrachtgeschäft konnten wir das Ergebnis stabil halten. Dort hat sich die Übernahme von Quick International Courier – einem Spezialisten für zeitkritische Transporte im Pharma- und Luftfahrtbereich – nachhaltig positiv ausgewirkt. Obwohl wir in der Kontraktlogistik die Möglichkeit gehabt hätten, im Umsatz stärker zu wachsen, haben wir uns für gesundes – und vor allem profitables – Wachstum entschieden.

Wo steht Kühne+Nagel bei der Umsetzung des strategischen Programms?
Wolle:   Im Zuge unserer Roadmap 2022 haben wir die ersten zwei Jahre intensiv genutzt, mit wichtigen und notwendigen Investitionen die Weichen für nachhaltiges Wachstum zu stellen. Wir haben für gut eine Milliarde Schweizer Franken Zukäufe getätigt – wie eben Quick aus den USA, einem komplementären und vor allem profitablen Geschäft. In den Landverkehren haben wir mit der Übernahme von Jöbstl in Österreich und Rotra in Benelux unser bestehendes Netzwerk in Europa strategisch ergänzt.

Trefzger:   Zudem haben wir – immer mit dem Kunden im Blick – weitere strategische Projekte lanciert: In der Seefracht beispielsweise die Onlinebuchungsplattform KN Pledge, bei der wir die Lieferzeit garantieren und die CO2-Emissionen kompensieren. Mit AirLOG haben wir ein innovatives operatives System für die Luftfracht eingeführt. Bei den Landverkehren sind wir in Südostasien mit einer neuen Onlinelösung an den Start gegangen. Last but not least haben wir für unsere Mitarbeitenden unser Intranet massgeblich ausgebaut und Ende 2019 eine Webkonferenzlösung eingeführt. Wir haben bereits über 33.000 regelmässige Nutzer. Das unterstützt unser Bestreben nach Effizienz und ist zudem gut für die Umwelt.

Wir werden die Position von Kühne+Nagel als einem der weltweit führenden Logistikanbieter weiter stärken, vor allem in Asien, dem Zukunftsmarkt schlechthin.

Dr. Jörg Wolle

2019 markiert zugleich die Halbzeit Ihrer strategischen Roadmap 2022. Wie geht es weiter?
Wolle:   Wir haben gesät – und können nun zugleich ernten und dabei immer wieder neu säen. Bis zum Ende der Laufzeit des Strategieprogramms im Jahr 2022 werden wir also die Position von Kühne+Nagel als einem der weltweit führenden Logistikanbieter weiter stärken, vor allem in Asien, dem Zukunftsmarkt schlechthin. 

Ist die Roadmap 2022 Ihre Antwort auf die fundamentalen Veränderungen in der Logistikbranche?
Wolle:   Ganz im Gegenteil: Die tiefgreifende digitale Transformation ist eine riesige Chance. Sie verändert nahezu alle Geschäftsmodelle der globalen Wirtschaft schon jetzt, ganz besonders in der Logistik. Wir haben das sehr früh erkannt, die entsprechenden Schlüsse gezogen und sind zeitig in die digitale Zukunft aufgebrochen. Wenn der Begriff digitaler Vorreiter in unserer Branche auf ein Unternehmen zutrifft, dann auf Kühne+Nagel. Dieser Vorsprung, den wir uns hart erarbeitet haben, ist von hohem strategischen Wert. Er eröffnet uns ganz neue Möglichkeiten, weltweit. Wir werden diese Möglichkeiten zu nutzen wissen.

Haben Sie ein konkretes Beispiel?
Trefzger:   Wir sind der erste weltweit tätige Logistikdienstleister mit einer direkten System-zu-System-Verbindung mit einem Luftfrachtanbieter. Unsere Kunden profitieren von einem nahtlosen Zugang zu unseren operativen Systemen über unsere Buchungsplattform myKN sowie von der Verzahnung mit den Systemen diverser Reedereien oder Luftfrachtsgesellschaften. Dort können in Echtzeit Preise angefragt, Sendungen gebucht und nachverfolgt werden – alles innert weniger Sekunden.

Ist dieses neue Luftfrachtangebot Teil Ihrer eTouch-Initiative?
Trefzger:   Ja, das ist ein gutes Beispiel. Statt einer Vielzahl von Anknüpfungspunkten hat unser Kunde nur noch einen einzigen, digitalen Berührungspunkt bei der Abwicklung – eben ein eTouch. Dabei geht es nicht um ein einzelnes System, sondern um sämtliche Massnahmen zur Vereinfachung und Automatisierung von Sendungen unter Nutzung der neuen, technologischen Möglichkeiten.

Kühne+Nagel ist in allen Weltregionen tätig. Sie möchten aber vor allem in Asien wachsen...
Wolle:  Nachdem wir uns in den vergangenen Jahren organisatorisch und akquisitorisch vor allem auf Europa und Amerika konzentriert hatten, bauen wir jetzt unsere Position im asiatisch-pazifischen Raum zielstrebig und systematisch aus. Wir haben uns dort bereits eine sehr gute Position erarbeitet. Wir sind fest davon überzeugt, dass Asien auch in den kommenden Jahren eine führende Rolle im globalen Handel einnehmen wird.

Mit dem Zusammenschluss unserer bisher zwei asiatischen Organisationen haben wir die perfekte Ausgangsposition geschaffen, um mit unseren rund 10.000 Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern in der Region zu expandieren – sowohl organisch als auch über Zukäufe.

Aber: Akquirieren kann jeder. Erst die Integration in das Bestehende zeigt, ob man Mehrwert für Kunden und Unternehmen schaffen kann. Die Fähigkeit, erworbene Unternehmen schnell und effektiv zu integrieren und die angestrebten strategischen und finanziellen Vorteile zu realisieren, ist heute eine wichtige Kernkompetenz, die sich Kühne+Nagel erarbeitet hat. In USA und Europa haben wir gezeigt, dass wir das beherrschen. Das wird uns auch in Asien gelingen.

 

Mit dem Net Zero Carbon-Programm haben wir uns – als erster global tätiger Logistikdienstleister – verpflichtet, bis 2030 sämtliche direkten und indirekten CO2-Emissionen zu neutralisieren.

Dr. Detlef Trefzger

Kühne+Nagel hat mit dem Net Zero Carbon-Programm klar Position bezogen beim Klimaschutz. Warum?
Trefzger:   Uns ist bewusst, dass der Logistikbranche eine wichtige Rolle beim Thema Klimaschutz zukommt. Mit der Ankündigung unseres Net Zero Carbon-Programms im September 2019 haben wir uns – als erster global tätiger Logistikdienstleister – verpflichtet, bis 2030 alle direkten und indirekten CO2-Emissionen zu neutralisieren. Also nicht nur die durch unsere eigenen Flotten und an unseren Standorten erzeugten Emissionen, sondern auch die unserer Zulieferer wie Fluggesellschaften, Reedereien und Strassentransporteure. Für unsere Initiative haben wir in den vergangenen Monaten viel Zuspruch erhalten – von unseren Kunden, aber eben auch von den Zulieferern und, was mich besonders erfreut, von unseren Mitarbeitenden.

Welche Ziele haben Sie für 2020?
Trefzger:   Wir blicken zuversichtlich auf das Jahr 2020 und darüber hinaus. Zusammen mit der Expertise und der Leidenschaft aller Kolleginnen und Kollegen werden wir die Umsetzung der Roadmap 2022 forcieren und damit sicherstellen, dass Kühne+Nagel die Transformation zum Nutzen unserer Kunden weiterhin anführt.

Wolle:   In diesem Jahr begeht Kühne+Nagel das 130. Jahr seines Bestehens. Über einen langen Zeitraum haben unternehmerischer Weitblick, Dynamik und viele tüchtige Mitarbeitende die Entwicklung zu einem wahrhaft globalen Logistikdienstleister ermöglicht. Wir haben beste Aussichten, diese Erfolgsgeschichte fortzuschreiben. Es liegt an uns, Kühne+Nagel in eine nochmals erweiterte Dimension zu führen hinsichtlich Kundennutzen, Marktrelevanz, globale Position und sicher auch Ertrag und Umsatz. Zusammen mit meiner Kollegin und den Kollegen im Verwaltungsrat bin ich sehr zuversichtlich, dass uns dies gelingen wird.